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NGO-Studie: Energie- und Klimazukunft Österreich

16.03.2017 10:29


(PA_Greenpeace, Global 2000, WWF) 100 % erneuerbare Energie bis zum Jahr 2050 und mehr als 90 % weniger klimaschädliche Treibhausgase: Dass dieses Szenario für Österreich möglich ist, zeigt jetzt die neue Studie „Energie- und Klimazukunft Österreich“, herausgegeben von den Umweltschutzorganisationen Global 2000, Greenpeace und WWF. Hier wurden neben der Bereitstellung und Verwendung von Energie und deren Emissionen, auch die Treibhausgase aus dem Bereich Industrie sowie der Abfall- und Landwirtschaft betrachtet. Mit den Ergebnissen will man die österreichische Regierung unterstützen. Denn diese arbeitet derzeit an einer nationalen Energie- und Klimastrategie, die bis jetzt keine verbindliche Zielvorgabe hat. Doch um das Klimaschutzabkommen von Paris umzusetzen und damit die Erderwärmung auf weit unter 2 °C bzw. auf 1,5 °C zu begrenzen, braucht es ambitionierte Ziele, Strategien und Maßnahmen.

„Für eine Wende in der Energieversorgung und im Klimaschutz braucht es eine gesamthafte Sichtweise auf Energieverbrauch und Energieaufbringung und auch auf andere treibhausgasrelevante Sektoren“, sagt Studienautor Andreas Veigl. Die aktuelle Studie zeigt, dass selbst bei einem Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum der Endenergiebedarf, also der Energieverbrauch der einzelnen Sektoren wie Verkehr, Gebäude oder Produktion, bis zum Jahr 2050 um knapp die Hälfte gegenüber dem Jahr 2013 gesenkt werden kann. Dadurch ist es auch möglich, gänzliche auf fossile Energien zu verzichten. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es beispielsweise im Gebäudebereich notwendig, dass die Sanierungsrate auf 3 % angehoben wird und sich der Passivhausstandard im Neubau durchsetzt. Bis auf denkmalgeschützte Gebäude muss der gesamte Bestand bis 2050 zumindest einmal thermisch saniert werden. Mittelfristig sollen sich Plusenergiehäuser, die übers Jahr gesehen mehr Energie erzeugen als sie verbrauchen, weit verbreiten. “Im Gebäudebereich hat Österreich schon einige Fortschritte vorzuweisen, von einem ambitionierten Klimaschutzszenario sind wir aber immer noch weit entfernt. Die Sanierungsrate liegt deutlich unter 1 % und Ölheizungen werden nach wie vor gefördert. Das muss sich jetzt ändern: Dem Einbau von Ölheizungen muss ein Riegel vorgeschoben werden und es braucht mehr Anreize für Gebäudesanierungen in Österreich”, fordert Johannes Wahlmüller, Klima- und Energiesprecher von Global 2000.

Laut Szenario wird auch im Bereich Verkehr der Energieverbrauch durch einen Ausbau des öffentlichen Verkehrs und der höheren Energieeffizienz von Elektrofahrzeugen stark zurückgehen. Durch den Zuzug in die Ballungszentren kommt es zu einer leichten Abnahme der Verkehrsleistung pro Person, auch der öffentliche Verkehr ist dort einfacher zu organisieren. Daher sind die drei Umweltschutzorganisationen zuversichtlich, dass die Mobilität in den Städten 2050 weitgehen abgasfrei und deutlich leiser sein wird. Fahrzeuge für die Zustellung und private Autos, die es für weite Teile des Landes noch braucht, werden voraussichtlich vollelektrisch unterwegs sein. Auch in der Industrie kommt es zu Veränderungen: Durch den Umstieg des Stahlsektors auf kohlenstoffarme Produktion, werden 78 % der Prozessemissionen eingespart. Für den Landwirtschaftssektor stützt sich die Studie auf die Ernährungsempfehlungen des österreichischen Gesundheitsministeriums. Wird der Fleischkonsums pro Kopf um 60 % reduziert, die biologisch bewirtschaftete Flächen auf 50 % ausgeweitet und die Lebensmittelverschwendung um 75 % reduziert, werden die in der Landwirtschaft entstehenden Treibhausgas-Emissionen um 56 % sinken.

Ein weiterer Punkt betrifft die Stromversorgung, denn auch hier ist noch einiges zu tun: Strom aus 100 % erneuerbarer Energie ist nicht nur möglich, sondern ein Muss will man dem fossilen Zeitalter endlich Adé sagen. Doch Ökostrom wird in Österreich viel zu langsam ausgebaut und auch hier fehlen die klaren Zielvorgaben. Erst kürzlich hat der Ministerrat die kleine Ökostromnovelle beschlossen. „Diese greift viel zu kurz. 260 Windanlagen mit einer Leistung von 850 MW stehen derzeit in der Warteschlage, weil einerseits der Marktpreis für Strom sehr niedrig ist und andererseits die Ökostromförderung viel zu niedrig angesetzt ist. Hier braucht es zusätzliche Mittel, um einen kräftigen Schub an neuen Ökostrom zu sichern", fordert Adam Pawloff, Klima- und Energiesprecher von Greenpeace in Österreich. "Das würde nicht nur zusätzlichen erneuerbaren Strom bringen, sondern wäre sogar kostenneutral“, erklärt Pawloff. Alte Anlagen kommen zum Ende ihrer Laufzeit und fallen aus dem Fördertarif. Die für den Abbau der Warteschlange zusätzliche benötigten 80-120 Mio. € würden somit keine neuen Kosten verursachen, sondern lediglich alte Förderungen ersetzen.

Der österreichische Nationalrat hat am 8. Juli 2016 das Klimaschutzabkommen von Paris ratifiziert und es damit als Politikrahmen für die Regierung vorgegeben. „Eine Energie- und Klimastrategie für Österreich, die diesen Namen auch wirklich verdient, muss eine verbindliche politische Weichenstellung sein. Das Ziel einer nahezu vollständigen Dekarbonisierung muss in der Verfassung verankert werden um einen klaren Handlungsrahmen zu bieten. Ohne klare Signale von Kanzler, Wirtschaftsminister, Verkehrsminister und Umweltminister droht hier eine nationale Entgleisung“, warnt Karl Schellmann, Leiter des Bereichs Energie & Klima beim WWF abschließend.